Mensch vor Auto!

Drei radfahrende Kinder von hinten

Radfahrende Kinder

Der Mensch hat Vorrang vor dem Auto. Dieser Aussage stimmen Autofahrer nicht zu. Politiker stimmen dieser Aussage nicht zu, ebenso Eltern, Großeltern, Brüder, Schwestern, Onkel und Tanten. Für Autofahrer stellen Radfahrer und Fußgänger Verkehrsbehinderungen dar. Das Auto braucht Platz. Die Strampelleistung eines Radfahrers verglichen mit dem Hochleistungsmotor eines Autos ist verschwindend. Autos sind für den Fahrer und seine beförderten Gäste sicher. Sie sind ein Schutzkäfig mit Airbag, Anschnallgurten und Knautschzonen. Kollidiert ein Wagen mit einem Fußgänger oder einem Zweirad, so bleiben Lenkende und Mitfahrende (zumeist) ubeschadet, ein paar Dellen zieren die Karosserie, aber Fußgängerinnen und Radlerinnen verletzen sich schwer.

Straßenverkehrsunfälle in Österreich 2019
Quelle: Statistik Austria, Statistik der Straßenverkehrsunfälle Österreichs 2019

Was morgen mit der Welt passiert, hängt davon ab, was wir heute für unsere Kinder tun.

Frank Sinatra

In Wien gibt es regelmäßig Schwerpunktkontrollen der Polizei, manchmal schon am frühen Morgen, die Radfahrerinnen kontrollieren und für Bagatelldelikte strafen, während gleichzeitig daneben Fahrzeuge mit überhöhter Geschwindigkeit vorbeirasen oder telefonierende Fahrzeuglenker bei Rot die Kreuzung queren – ein Gewohnheitsrecht der Autolenker, den Herren der Straße. Eine Einschränkung ihrer flotten Fahrt durch Fußgänger, Radfahrer, motorisierte Zweiräder wird als persönliche Beleidigung und Zumutung empfunden.

Begegnungszonen

Die zunehmende Motorisierung in den 1970er Jahren änderte das grundlegend. Begegnungszonen wurden zu Verkehrsräumen für den motorisierten Individualverkehr und abgestellte Fahrzeuge. Der Fuß- und Radverkehr findet (immer noch) nur mehr am Rande Eingang in die Vekehrsplanung – beschränkende Restflächen, zu schmale Gehsteige und Radwege,

Die Maßnahmen im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 schreiben einen Mindestabstand von 1m zwischen Personen vor. Fußgänger auf Gehsteigen mit nur 1m Breite können diesen infektionsschützenden Abstand nicht einhalten.

Die Stumpergasse – ein beliebiges Wiener Beispiel

Die Stumpergasse verläuft quer von der Mariahilferstrasse zur Gumpendorferstrasse. Sie ist willkürlich ausgewählt (der Autor begeht sie regelmäßig auf seinem Weg von der U3 ins „Cafe HABAKUK“). Sie ist nach Anton Stumper benannt, der im Zuge der Parzellierung der „Palmschen Realität“ den Baugrund für die Verbindungsstraße frei gegeben hat. Die Stumpergasse belebt sich zusehends – neu eröffnete kleine Geschäfte und Lokale – und zeigt sich abendlich beleuchtet von ihrer besten Seite.

Wem gehört die Stumpergasse?

Die Stumpergasse gehört zu 62% den Autos. Die Radfahrer begnügen sich mit 9,5% des Raums und die Fußgänger benutzen zwei 1,5m breite Gehsteige beidseits der Einbahn.

Foto der Stumpergasse mit eingetragenen Abständen

Diese Aufteilung ist für einspurige Verbindungsstraßen typisch.

Viel Lebensraum wird durch parkende Autos (Benutzungsdauer – meist weniger als eine Stunde pro Tag) und gelegentlich durchfahrende PKWs vergeudet. Radfahrer benutzen einen 1m breiten Streifen, der teilweise gepflastert ist. Diese Fahrbahnunebenheit, fallweise unachtsam aussteigenden Autofahrer (Doring) und verkehrswidrig geparkte PKWs stellen eine permanente Sturzgefahr dar. Radlenker fühlen sich gefährdet. Wer die physikalischen Kreiselgesetze kennt, weiß:  rollende Fahrräder präzessieren – sprich: führen wellenfömige Fahrbewegungen aus. 1m Fahrbreite genügen nicht.

Wie breit muss ein Radweg sein?

Wie breit ein Radweg sein muss, beantworten viele, allerdings kaum beachtete, Studien von Verkehrsexperten. Der Platzbedarf für einen Zweirichtungsradweg beträgt 3,1 m.

Wie breit muss ein Gehweg sein?

Damit zwei Fußgänger sich nicht behindernd begegnen können, ist eine Mindestbreite von 2,5 m notwendig. Stellenweise sind die Gehwege in der Stumpergasse schmaler als 1,5m.

Stumpergasse:  Tote Materie vor lebendigen Menschen

Stumpergasse Links: Status Quo – Rechts: Der Mensch im Mittelpunkt

Das Bild zeigt links einen Ausschnitt der Stumpergasse aus der Vogelperspektive mit der aktuellen Raumaufteilung. Der breite rote Streifen markiert die Fahrspur und die beiden Parkzeilen. Den beiden schmalen blauen Streifen links und rechts entsprechen die Gehsteige und der grüne dem Radweg. Die rechte Abbildung zeigt eine Situation die Menschen in ihrer Nutzung des öffentlichen Raums bevorzugt. Die Parkzeilen sind verschwunden, die Gehsteige verbreitert und der Radweg ist in beide Richtungen benutzbar.

Hypothetische CO2-Einsparung

Die Stumpergasse ist circa 660m lang. Ein Abstellplatz pro Auto erfordert 6,5m.

Es parken in der Stumpergasse bis zu 200 PKW. Ein PKW mit 10 Liter Treibstoffverbrauch pro 100km und 10.000km jährlicher Fahrleistung benötigt 1.000 Liter Diesel oder Benzin. Die Produktion eines PKW benötigt 70 Tonnen Materialien und Ressourcen, die zu einem weiteren CO2-Verbrauch von 20% beitragen. Der Transport und das Handling der Treibstoffe werden mit 0,7kg CO2 pro Liter Treibstoff angerechnet. Damit verursacht 1 Liter Diesel oder Benzin in Summe 3,5 kg CO2. Würden die Bewohner bzw. Parkenden in der Stumpergasse auf ihre Autos verzichten und das großzügige Angebot der Wiener Verkehrsbetriebe und der ÖBB nutzen, dann entspricht dies (200 PKW mal 3,5 Tonnen CO2 jährlich) einer klimaschonenden CO2-Einsparung von 700 Tonnen.

Würden alle Autolenker Wiens auf ihren PKW verzichten und als Bewohner die Stadt mit ihrem öffentlichen Raum genießen, könnten 2,5 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden – in Wien sind 700.000 PKWs angemeldet.

Fahrradabstellplätze in der nähe eines Bahnhofes
Quelle: Victor van Werkhooven CC BY-SA 3.0

Statt öffentliche Verkehrsflächen an Parkplätze mit 6,5 mal 2m (14 m2) für abgestellte Autos zu vergeuden, wäre lustvolles Flanieren der Bewohner und sicheres Radeln möglich.  

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